Pro & Contra: Website-Entwicklung mit WordPress
19.10.2010 von Lucien Coy | Technologie
Hier schreibt Lucien Coy, Geschäftsführer der zweipol GmbH und dort für Gestaltung, Strategie und Konzeption verantwortlich.
Der Slot, den zweipol im Marketing 2.0 Network belegt, nennt sich „Web Enabling“ – also die grafische und technische Umsetzung von Maßnahmen in den digitalen Medien. Dabei fokussieren wir uns in diesem Zusammenhang vorrangig auf die Realisierung auf Basis bestehender Systeme.
Von mir sind in diesem Blog einerseits Beiträge zu „praktischen“ Themen zu erwarten – Beispiele: Trends und Tendenzen des Web Design, Möglichkeiten von neuen Technologien, Use Cases. Andererseits beschäftige ich mich intensiv mit den inhaltlichen Auswirkungen von Technologie; ein Beispiel für diesen Themenkomplex ist die Rolle, die die Unternehmens-Website in Zeiten von Social Media, mobilen Anwendungen und der zunehmenden Trennung von Inhalt und Präsentation spielen kann.
Mit meinem ersten Beitrag möchte ich die Erfahrungen aufgreifen, die zweipol bei der Konzeption und Umsetzung von Webauftritten gemacht hat, die auf Systemen wie WordPress etc. basieren:
Blogs, und mit ihnen Blog-Systeme wie WordPress, Drupal, Movable Type etc., haben das Web nachhaltig und unwiderruflich verändert. Unter den für das Marketing 2.0 relevantesten Adressen im Netz sind zahllose Auftritte, die unter Verwendung solcher Software realisiert wurden. Prominente Beispiele sind Mashable (WordPress), ReadWriteWeb (Movable Type), Fast Company (Drupal) oder Huffington Post (ebenfalls Movable Type). Auch die Website des Marketing 2.0 Network wurde von uns bei zweipol mit WordPress umgesetzt.
Die Gründe für die Popularität dieser Systeme sind genauso vielfältig wie überzeugend:
- eine robuste Plattform mit einer großen Zahl an Möglichkeiten bildet die Basis. So finden nahezu alle Anwender die Features, die sie benötigen.
- es ist mit sehr wenig Aufwand und in sehr kurzer Zeit möglich, einen komplett funktionsfähigen Blog zu veröffentlichen. Individuelle Anpassungen in Look & Feel und Funktionalität lassen sich bis zu einem gewissen Grad ebenso schnell umsetzen.
- die konstante Weiterentwicklung der Systeme, die größtenteils als Open-Source-Projekte betrieben werden, ermöglicht es, sich den stetigem Wandel ausgesetzten Entwicklungen im Web anzupassen.
- die Systeme selbst sind ohne Investitionskosten frei verfügbar. Kosten entstehen üblicherweise erst durch die Gestaltung und Anpassung der Systeme durch Profis.
- Eine Vielzahl an kostenlos erhältlichen Plugins und Erweiterungen ermöglicht es, auch Funktionalitäten einzusetzen, die nicht im „Lieferumfang“ der Systeme enthalten sind.
- die hohe Verbreitung bedeutet auch, dass die Grundprinzipien von Content-Erstellung und -bearbeitung Redakteuren und Administratoren bereits bekannt sind.
Noch vor wenigen Jahren sah die Entwicklung für das Web anders aus: Teams aus Designern und Entwicklern erstellten mit teilweise sehr großem Aufwand maßgeschneiderte Websites oder setzten teure Content-Management-Systeme ein. Redakteure wurden umfangreich geschult und mussten Spezialwissen aufbauen, das es ihnen ermöglichte, Inhalte einzustellen und zu pflegen. Individuelle Lösungen für die immer gleichen Anforderungen waren die Regel.
So verwundert es nicht, dass die hohe Verbreitung von WordPress und Co. dazu geführt hat, dass sich auf der Seite der Inhaltsanbieter eine gewisse Erwartungshaltung durchgesetzt hat. Hohe Aufwände und die damit verbundenen Kosten für maßgeschneiderte Entwicklung jenseits von freien Systemen sind heute nicht mehr die Regel, und aus Sicht von Agenturen und IT-Dienstleistern findet die Wertschöpfung bei der Produktion von Websites daher mittlerweile an anderer Stelle statt.
Aber es gibt auch einige Punkte, die gegen den Einsatz von Standard-Systemen sprechen:
- Websites, die einen sehr spezialisierten oder innovativen Nutzen haben, können mit solchen Systemen schlecht abgebildet werden. Sie profitieren nicht von dem „kleinsten gemeinsamen Nenner“, der die Feature-Auswahl antreibt.
- Wenn eine Site nur eine spezialisierte Aufgabe gezielt erfüllen soll, ist der große Funktionsumfang von Systemen wie WordPress oder Drupal oft ein Hindernis. Unter anderem damit ist der große Erfolg von schlanken Plattformen wie Tumblr und Posterous (von Twitter ganz zu schweigen) zu erklären.
- bei Auftritten, die sehr stark angepasst werden müssen, kann der Aufwand für die Anpassung je nach verwendetem System schnell sehr groß werden. Jedes Tool bringt systembedingt eine Basis mit, die sich meist nicht ohne Weiteres komplett umstellen lässt. In Fällen, in denen zum Beispiel ein genau definierter Redaktions-Workflow berücksichtigt werden muss, kann es sich lohnen, Teile des Projekts individuell anzugehen.
- Für Auftritte, bei denen die Gestaltung eine große Rolle spielt, kann der Anpassungsaufwand sehr groß werden, wenn das Design stark von der vorgegebenen Struktur abweicht.
- die große Popularität von WordPress, Drupal etc. führt auch dazu, dass es sich lohnt, Spam oder Schadsoftware durch Sicherheitslücken im System einzubringen. Diese Lücken werden oft erst nach einiger Zeit sichtbar bzw. können nur durch regelmäßige Updates und schnelle Reparaturen behoben werden. Für den Einsatz von Blog- oder CMS-Systemen gilt daher besonders, dass sie kontinuierlich betreut werden müssen, um nicht angreifbar zu werden – und vor allem zu bleiben.
Für alle, die den Einsatz von WordPress oder einem anderen System planen, gilt also auch weiterhin der Grundsatz, dass Reibungsverluste und Frust im Projekverlauf vermieden werden können, wenn die Anforderungen an die Technik, die minimal notwendigen Funktionalitäten und zumindest die kurzfristigen Erweiterungswünsche der Plattform im Vorfeld so sauber und genau wie möglich geplant werden. Die Entscheidung für oder gegen eine bestimmte technische Plattform sollte nicht im Vordergrund oder gar am Anfang des Planungsprozesses stehen. Für Sites, die sehr spezialisierte Anforderungen haben, lohnt es sich gegebenenfalls, auf ein bestehendes System zu verzichten.
Für marketing20-network.de – ein gutes, weil vergleichsweise umfangreiches Beispiel – hat sich der Einsatz von WordPress absolut gelohnt. In Kombination mit Pligg – der Plattform, die die Marketing 2.0 News speist – konnten wir so in überschaubarer Zeit eine komplexe, vielschichtige Plattform mit umfangreichen Vernetzungsmöglichkeiten schaffen, die von einer großen Zahl an Nutzern befüllt und gepflegt werden kann.

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